Im "Germanischen"

Eigentlich nur für ein dreitägiges Seminar angereist, hatte ich plötzlich unerwartet mehrere Stunden Zeit, die ich in der Nürnberger Altstadt verbringen konnte. Bei der Navigation meines kurzen Fußmarsches vom Hauptbahnhof zum Hotel per Google Maps war mir das Germanische Nationalmusuem in der Karte in unmittelbarer Umgebung angezeigt worden. Ein Name, der mir schon aus vielen anderen Museumsbesuchen geläufig war. "Das hier ist eine originalgetreue Replik. Das Original steht im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg", hieß es dort oft. Nun ergab sich also die überraschende Gelegenheit, "die Originale" zu sehen. An dem Tag, an dem erneut die Corona-Maßnahmen angezogen werden mussten, wies ich am Eingang mein Impfzertifikat vor und kaufte die Eintrittskarte für acht Euro. Den kostenlosen Plan des Museums ließ ich versehentlich an der Kasse liegen, holte ihn aber wieder ab und im Germanischen Nationalmuseum braucht man ihn wirklich.

 

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Denn das Ausstellungshaus ist seit seiner Gründung im Jahr 1852 immer wieder organisch gewachsen. Zunächst wurde es in den Gebäuden eines ehemaligen Kartäuserklosters eingerichtet. In den folgenden einhundert Jahren wurde es durch mehrere An-, Um- und Neubauten erheblich erweitert. Heute ist es das größte kulturgeschichtliche Museum im deutschsprachigen Raum und kann etwa 25.000 der 1,3 Millionen Sammlungsobjekte ausstellen. Gegliedert ist es in 16 Bereiche, die einerseits durch geschichtliche Epochen, andererseits in thematische Kategorien gefasst sind. So kann man treppauf treppab, ausgehend von der Eingangshalle eine zusammenhängende, chronologische Reise von der Ur- und Frühgeschichte über das Mittelalter, Spätmittelalter in die Zeit der Renaissance, von Barock und Aufklärung antreten. Alterntiv können interessengeleitet auch beispielsweise die Austellungshallen für die Themen Waffen, Jagd, Gartenkultur, Spielzeug, Kleidung und wissenschaftliche Instrumente direkt angesteuert werden.
Ich bin prinzipiell fasziniert von der Vor- und Frühgeschichte, deswegen führte mich mein Weg - nachdem ich zunächst in die entgegengesetzte Richtung gelaufen war - schnurstracks dorthin. Die Exponate aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit sind so zahlreich und gut erhalten, dass ich alleine in diesem Ausstellungsbereich und seiner Zeitspanne über fast 2000 Jahre europäische Geschichte den ganzen Tag hätte zubringen können. So lange hatte ich leider nicht Zeit, so dass ich von der Highlight-Übersicht im Museumsplan Gebrauch machte, die in jedem der vier Stockwerke die acht Sehenswürdigkeiten identifiziert, die man dort nicht in der Menge der Ausstellungstücke übersehen sollte. So steuerte ich zuerst den 3000 Jahre alten Goldhut von Ezelsdorf an, den ich schon aus meinem Geschichtsbuch aus der siebten Klasse kannte. Als nächstes suchte ich die gotische Adlerfibel aus der Völkerwanderungszeit des 5. Jahrhunderts. Das gelang mir allerdings erst mit Unterstützung eines Museumsmitarbeiters, der mich dorthin geleitete. Das Personal im Germanischen Nationalmuseum (GNM) ist übrigens grundsätzlich bemerkenswert unterstützend. Man bekommt ein freundliches 'Grüß Gott' und Hilfe angeboten, wenn man länger ratlos den Museumsplan hin- und herdreht. In vielen anderen Museen nehme ich das Aufsichtspersonal als weniger hilfsbereit war und oft löst es nicht mehr als Verfolgungsgefühle in mir aus, wenn sie in einigen Abstand von Raum zu Raum hinter mir herschleichen. Die Adlerfibel hatte ich vor allem deshalb nicht gefunden, weil ich ihre Größe überschätzt hatte. Natürlich ist eine Fibel keine Statue oder ähnliches in dieser Größe, sondern ein Accessoire zum Verschließen der Kleidung. Deshalb ist sie wie in diesem Fall nur 12 Zentimeter hoch und nicht mal sechs Zentimeter breit. Daneben lag zusätzlich noch eine Zikade aus edelsteinbesetztem Gold. Ein Insekt, dass wir heute anders als beispielsweise Marienkäfer nicht als besonders schmuckvoll empfinden. Die Goten sahen in der Zikade aber den Träger eines Geistes. Als ich das Ensemble schließlich ausführlich bewundert hatte, erklang überraschend eine Durchsage, dass sich Interessierte in wenigen Minuten an der Infosäule in der Eingangshalle zu einer kostenlosen Führung zum Kennenlernen des GNM zusammenfinden könnten. Das Museum war nur schwach besucht und außer mir nahmen nur noch ein Ehepaar und ein junger Mann teil. Eine mit unerschöpflichen Wissen beschlagene ältere Dame erschien und zeigte uns in der folgenden Stunde exemplarisch einige Stücke, die ihre Hintergründe erst durch ihre Erklärungen vor uns erschlossen. Leider konnte ich diesen Rundgang nicht bis zum Ende mitgehen, um nicht den Beginn meines Seminars zu verpassen.
Einmal mehr ist mir durch diesen zufälligen und kurzentschlossenen Besuch des Germanischen Nationalmuseums klar geworden, dass ich meine Strategie weiterverfolgen muss, möglichst viele Kulturorte, die ich bei Gelegenheit besuchen möchte, in meiner persönlichen Google-Karte zu markieren. Immer wenn ich von besonderen Orten höre, die mich interessieren, suche ich sie in Google Maps raus und markiere sie mit dem dafür vorgesehenen grünen Fähnchen als "Möchte ich hin". So habe ich mittlerweile eine Weltkarte, über die viele grüne Fähnchen verteilt sind und ich hege die Hoffnung, damit solche Kulturstätten nicht zu verpassen, wenn ich schon mal in der Gegend bin.
Das Germanische Nationalmuseum hatte in meiner Google-Karte noch kein grünes Fähnchen und es war wirklich ein schöner Zufall, dass für den Bruchteil eines Moments "Germanisches Nationalmuseum" in der Karte auftauchte. Es wäre schade gewesen, wenn ich diese tolle Gelegenheit verpasst hätte. Nun hat das GNM trotz meines Besuchs ein grünes Fähnchen bekommen. Das heißt, ich besuche es bestimmt irgendwann noch einmal mit ausreichend Zeit, um mich an allem satt zu sehen.